top of page
IMG_8947.jpg

Warum Spazieren gehen hilft.

Warum mir spazieren gehen bei meiner Trauer geholfen hat.

Als mein Partner plötzlich und völlig unerwartet starb, wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Rückblickend würde ich sagen: Ich begann einfach zu gehen.

Sport war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Wandern war unsere gemeinsame Leidenschaft, doch das Spazierengehen hatte für mich nie eine besondere Bedeutung. Nach dem Tod meines Partners änderte sich das schlagartig. Ich konnte keine Leistung mehr abrufen. An Joggen, anspruchsvolle Wanderungen oder Krafttraining war nicht zu denken. Anfangs machte mich das traurig, denn diese Aktivitäten waren für mich stets wichtige Kraftquellen gewesen.

 

Doch ich versuchte, meinem Körper zu vertrauen. Irgendwie wusste er besser als ich, was ich in dieser Zeit brauchte. Statt mich auf das zu konzentrieren, was nicht mehr möglich war, richtete ich meinen Blick auf das, was noch ging. Und das war das Gehen.

Immer dann, wenn mich die Trauer überwältigte, der Schmerz zu groß wurde oder die Gedanken unaufhörlich in meinem Kopf kreisten, zog ich die Schuhe an und ging los. Ohne großes Ziel. Durch die Nachbarschaft, zum See, in den nächsten Park. Einfach Schritt für Schritt.

Beim Spazierengehen konnten sich meine Gefühle lösen. Die Gedanken gewannen an Struktur. Und manchmal gelang es mir sogar, ganz im Hier und Jetzt anzukommen. Dann wurde es still in mir. Im Kopf und im Herzen. Für einen Moment entstand eine Pause von der Trauer, vom Schmerz und von allem, was auf mir lastete. Ich fühlte mich ein wenig freier.

Beim Spazierengehen musste ich keine Fragen beantworten und keine Erwartungen erfüllen. Alles, was zählte, war der Augenblick. Ich war unglaublich dankbar dafür, wie sehr mich die Natur in dieser Zeit getragen hat. Ich spürte den Wind auf meiner Haut, genoss die Wärme der Sonnenstrahlen, lauschte den Blättern in den Bäumen und dem Gesang der Vögel. Ich erfreute mich an Blumen, Gräsern und an all den kleinen Dingen, die mir auf meinem Weg begegneten.

Oft setzte ich mich einfach auf eine Bank. Dort schien alles für einen Moment in Ordnung zu sein. Ich blickte in die Ferne oder in den Himmel. Ich bin kein gläubiger Mensch, doch in dieser Zeit begann ich, an Zeichen zu glauben. Wenn sich die Wolkendecke öffnete und ein Sonnenstrahl hindurchbrach, dachte ich: „Jetzt schaut mein Schatz vorbei.“ Wenn ein Adler hoch oben seine Kreise zog, stellte ich mir vor, dass er es war: frei, unbeschwert und voller Leichtigkeit.

Eine Frage beschäftigte mich nach seinem frühen Tod besonders lange: Wohin ist er gegangen? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ich wollte daran glauben. Der Gedanke, dass er seinen Weg an einen Ort voller Freiheit, Wärme und Geborgenheit fortgesetzt hatte, spendete mir Trost.

Zu Hause konnte ich die Nähe meines Partners kaum spüren. Ich träumte nicht von ihm, und mit der Zeit verblassten Erinnerungen an seine Stimme, seinen Geruch und seine Berührungen. Umso stärker empfand ich die Verbindung zu ihm draußen in der Natur. Beim Gehen fühlte er sich mir oft näher als irgendwo sonst. Dafür bin ich bis heute dankbar.

 

Mit der Zeit wurden aus den Spaziergängen wieder kleine Wanderungen. Daraus entstanden längere Touren, bei denen ich viele Kilometer zurücklegte und zahlreiche Gipfel bestieg. Heute gehe ich wieder joggen und habe auch das Krafttraining für mich wiederentdeckt. Geblieben ist jedoch etwas anderes: der Spaziergang als Anker. Auch heute noch gehe ich los, wenn mich neue Situationen herausfordern oder ich Halt brauche. Das Gehen begleitet mich weiterhin. Es erinnert mich daran, dass selbst die schwersten Wege Schritt für Schritt bewältigt werden können.

bottom of page